Orgelbau

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Die Orgel

I. Geschichtliche Entwicklung

Die Anfänge der Orgel

a) Herleitung und Begriff

Das Wort "Orgel" (vom griechischen "organon“ /lateinisch "organum") bezeichnete ursprünglich ein Hilfsmittel zur Arbeit oder ein Handwerkszeug. Es konnte sich auch allgemein um ein Musikinstrument handeln, doch bezog sich der Ausdruck in keinerlei Hinsicht auf das spezielle Instrument, von dem hier ausgegangen wird. Das Musikinstrument des Ktesibios (3.Jh.v.Chr.), die sogenannte "Wasserorgel", wurde "Hydraulis" und später im 1.Jh.v.Chr. von Heron von Alexandria "organon hydraulikon" (lateinisch: organum hydraulicum oder organa hydraulica) genannt, also "Musikinstrument, das mit Wasser funktioniert". Diese beiden Begriffe wurden zunächst zu Hydraulos (lat.: Hydraulus) verkürzt, während man in spätrömischer Zeit die Begriffe Organum oder Organa verwendete.

Es verwundert nicht, dass infolge der verschiedenen lateinischen Bedeutungen des Wortes Organum und der Tatsache, dass dieser Begriff im 10.Jh.n.Chr. auch eine bestimmte Art der Kontrapunktlehre und der Vokalmusik kennzeichnete, es im Laufe der Geschichte zu einigen Verwechslungen gekommen ist.

b) Die Vorläufer

Schon in frühester Zeit konnte sich der Mensch aus Schilfrohr Flöten bauen. Durch das Zusammenfügen verschiedener Pfeifen entstand ein Instrument, das man Panflöte nennt. Als es zudem gelang, die Kraft des Windes zu nutzen, entwickelte sich ein erstaunliches – aus einer oder mehreren Pfeifen bestehendes – Instrument, dessen Mundstück schrägkantig geschnitten und dessen Körper in verschiedenen Höhen durchbohrt war. Diese natürlichen Aerofone sind die Vorläufer der Orgel, besonders das aus mehreren Bambusröhren zusammengesetzte Instrument der Salomoninseln, dessen Luftröhren – am Strand in den Wind gehalten – in Schwingungen geraten, und die verschiedenartig gebauten Aerofone, welche man noch heute vor einigen Tempeln Südostasiens sehen kann. Um denselben Effekt zu erreichen, lässt sich das Instrument aber auch, wie vor allem die afrikanische Rhombe, in schnelle Bewegung versetzten.

2. Die antike Orgel

Seit ihrer Erfindung durch Ktesibios, Ingenieur in Alexandria, im 3.Jh.v.Chr. stellt sich die Orgel zugleich als Maschine und Musikinstrument dar. Dies war vor allem durch die Notwendigkeit bedingt, das für Blasinstrumente erforderliche menschliche Atemholen durch eine mechanische Luftversorgung unter Druck zu ersetzen. Das Problem der Windversorgung war und ist eine der kniffligsten in der langen Geschichte der Orgel und spielte in ihrer Entwicklung eine entscheidende Rolle.

Ist die Orgel nun ein Musikinstrument oder eine Maschine? Die Genialität ihres Erfinders verdient höchstes Lob: sie ist beides.

Das Prinzip von Pfeifen mit bestimmten Tonhöhen war schon in der Panflöte bekannt und so musste er das Windsystem schaffen, dass aus einer Pumpe, welche die Luft schöpfte, und einem Reservoir, das die Regelmäßigkeit von Luftfluss und Druck sicherstellte, bestand. Die römischen Modelle der Hydraulis besaßen offenbar drei Pfeifenreihen im Abstand einer Quinte und Oktave (evtl. auch Oktav und Doppeloktav), die durch Registerschieber und Tasten geschaltet wurden. Zwei Pumpen, mit Rückschlagventil, sorgten für die Windzufuhr. Um die Windstößigkeit auszugleichen, leitete Ktesibios die Druckluft in einen Metallbehälter, der unten geöffnet war und in einem größeren, wassergefüllten Behälter stand. Die Luft drückte das Wasser nach unten, sodass es im Außenbehälter stieg und nun seinerseits sie Luft im Binnenbehälter unter gleichmäßigen Druck setzte, bis der Wasserspiegel in beiden Behältern gleich war.

AntikeOrgel

Technisch gesehen war dieses System sehr bequem, da das Reservoir keinen anderen Druckregler als das Wasser hatte. Doch variierte der Luftdruck je nach der Füllung des Reservoirs, sodass die Probleme der Handhabung das Aufkommen der "trockenen Windversorgung" beschleunigten. Diese erfolgte mit Lederbälgen, wie sie Schmiede verwendeten, und die sowohl als Pumpe als auch als Reservoir dienten.

In der Kaiserzeit gab es eine ausgesprochene Unterhaltungsmusik zu den großen Schaukämpfen und –Veranstaltungen in den Amphitheatern. Seneca spricht im 84.Brief von "vielstimmigen Chören" und "stark besetzten Blechblasensembles". Es erklang häufig die Wasserorgel kombiniert mit dem Cornu. Mehrere Abbildungen (Mosaiken und Medaillen) zeigen die Orgel als ein Instrument, das im Freien gespielt wurde. Man kann annehmen, dass nur Reservoirs mit hydraulischem Wasserdruck einen ausreichenden Luftdruck bereitstellen konnten, um diese ziemlich schlichten Instrumente mit genügend Intensität zum Klingen gebracht zu haben.

Nach der Verbreitung der Orgel in der hellenistischen und römischen Welt verschwand sie im Abendland zur Zeit der Völkerwanderung, lebte aber im Oströmischen Reich und in der arabischen Welt weiter.

Aus Byzanz kam schließlich eine Orgel als Geschenk Kaiser Konstantins V. (741-775 n. Chr.) an Pippin den Jüngeren im Jahre 757 ins Frankenreich (später auch Karl der Große). Dieses politisch motivierte Geschenk hatte verblüffende Folgen für das ganze Abendland: Um die außergewöhnliche Gabe zu kopieren, rief man den Priester Georg aus Venedig, der mit dem Oströmischen Reich in Verbindung gestanden und den antiken Orgelbau gekannt haben muss. Indem er sein Wissen an seine Schüler weitergab, stand er sicherlich am Ursprung der Übernahme der Orgel in die Kirchen, während einige Jahrhunderte früher die Kirchenväter das Instrument noch als Symbol des Heidentums kategorisch verdammt hatten.

Seit dem 8.Jh. verbreitete sich jedoch die Orgel in der ganzen Christenheit, in Kathedralen, Abteien und Kirchen. Erste Kirchenorgeln standen in Aachen (812), Straßburg (9.Jh.), Winchester (10.Jh.).Ihren rein weltlichen Charakter verlor sie erst im frühen Mittelalter.

3. Wichtige Orgeltypen im Mittelalter bis zur Renaissance

In der Geschichte der abendländischen Orgel unterscheidet man im Wesentlichen drei Typen von Instrumenten: Portativ, Positiv und große Orgel.

Dass Portativ (lat. portare, tragen) ist eine kleine, tragbare Orgel, die man besonders bei Prozessionen und Umzügen ab dem 12.Jh. verwendete ( der Balg wurde mit der linken, die Tasten mit der rechten Hand betätigt). Es ertönte manchmal auch in der Kirche, doch wurde es vor allem als weltliches Instrument, meistens der fahrenden Spielleute, angesehen. Seine Blütezeit war das 15.Jh., nach der Renaissance wurde die Verwendung allmählich aufgegeben.

Das Positiv (lat. ponere, stellen), eine kleine Standorgel mit einem Manual, meist ohne Pedal, besaß wenig Pfeifen: vor allem Labialpfeifen im 8´ und 4´. Es eroberte sich in den Palästen des Adels oder in den Wohnungen reicher Kaufleute schnell einen auserwählten Platz und wurde in der Renaissance das Instrument des reichen Bürgertums, das erst im 18.Jh. durch das Cembalo und später durch das Klavier verdrängt werden sollte.

Im weltlichen Leben erklang es solistisch oder zusammen mit anderen Instrumenten; in der Kirche, wo es im Chorraum aufgestellt wurde, diente es als Stütze des Gesangs, wobei immer zwei Personen erforderlich waren: der Organist, der mit beiden Händen spielte, und eine Hilfe zum Bedienen der Bälge. Im Barock spielte man vor allem den Generalbass darauf. War das Positiv eine Zeit lang aus dem Musikleben völlig verschwunden, so wird es heute wieder in zunehmenden Maße für eine authentische Interpretation alter Musik gebaut. Es hat in zwei verschiedenen Formen überlebt: Einerseits wurde es seit dem 15.Jh. der großen Orgel als zweites Manual gegenübergestellt (Rückpositiv) oder in deren Gehäuse eingebaut, andererseits erklang es – manchmal als Kabinett- oder Kammerorgel bezeichnet – auch im weltlichen Leben.

Tischregal

Das Regal stellt eine spezielle Form der Orgel dar: Es ist eine flache, tragbare Kleinstorgel mit Zungenpfeifen im 8´, 4´ und 16´. Das Regal begleitete mit seiner rauen Stimme die königlichen Prunkfeste am Ende des Mittelalters und bereicherte mit seinem Klang die Instrumentalensembles der Hofkapellen. Wohl wegen seines scharfen, näselnden Tones kam es im 18.Jh. außer Mode.

Die große Orgel nun stellt einen wesentlichen Schritt in der Kunst des Instrumentenbaus dar. Schon in der zweiten Hälfte des 13.Jh. wurde – parallel zur Entwicklung der polyfonen Musik – die Rolle der Orgel in den Kirchen immer wichtiger: Die Orgel musste mit dem Chor alternieren und/oder diesen ersetzen und den Gesang der Gläubigen führen und stützen, sodass ein immer größerer und vielfältiger Klangreichtum erforderlich wurde. Die verschiedenen Kultstätten ließen deshalb ihre Instrumente umbauen und erweitern oder neue und größere Orgeln errichten, wobei die wachsende Zahl der Register und die gesuchten klanglichen Wirkungen bald zu einem Übereinanderstellen der Windladen mit den Pfeifen führten.

Es war dies eine revolutionäre Weiterentwicklung der Orgelbaukunst, da diese Umschichtung der Instrumente, die nun die Größe von Menschen bei Weitem überschritten, eine neue Konzeption mechanischer Übertragungselemente und eine schnelle mechanische Verbindung zwischen den Tasten und dem Klangkörper der Orgel bedingten, wobei den Organisten in Höhe der Klaviaturen immer mehr Bedienungsmöglichkeiten bereitgestellt wurden.

Im 14./15.Jh. hat die Orgel bereits viele Register, mehrere Manuale und Pedal.

Die Orgel im Barock

Im 17.Jh. werden die Prospekte reich ausgestaltet und die Sonderregister vermehrt, besonders in Deutschland und Frankreich. Im Barock erreicht sie ihr Bauideal, an dem später nichts zu verbessern, allenfalls zu verändern war.

Man unterscheidet in Deutschland drei Typen:

Die frühbarocke Prätorius-Orgel (von Prätorius im Synt. mus. II, 1618, beschrieben, danach Rekonstruktion in Freiburg), noch an der Klarlinigkeit der Renaissance orientiert mit scharfer Registertrennung, ungemischten Farben, Koppelverbot für Äqualstimmen; z. B. Halberstadt (1586); Musik: Scheidt (1587-1654);

Die hochbarocke Schnitgerorgel (von Arp Schnitger 1648-1719, Hamburg), norddt., ausgewogene Klangfülle mit Aliquoten und Zungen, bis zu 4 Manualen, Orgelideal des Barock; z. B. Hamburg St. Nicolai (1687); Musik: Buxtehude (um 1637-1707);

Die spätbarocke Silbermann-Orgel (Gebrüder Sibermann in Elsass und Sachsen), viele Grundstimmen, weniger Einzelaliquote und Zungen, komplizierte Registrierung; Musik: J.S.Bach (1685-1750).

Auch unterscheidet man dementsprechend verschiedene Stile:

Süddeutschland: Der kath. Süden hat weniger Orgelspiel im Gottesdienst, dafür mehr kammermusikalisches Klavierspiel mit Suite (frz. Einfluss), Toccata, Capriccio (ital. Einfluss); wenig Pedal.

Norddeutschland: im Protest. Raum Mittel- und Norddeutschlands kann sich das Orgelspiel reich entfalten, besonders in den Choralbearbeitungen sowie den Präludien und Fugen. Stark ist der Einfluss Sweelincks (Holland) und der Virginalisten (England). Die Organisten lieben das farbenreiche Wechselspiel der Register, was den Werkcharakter der Orgel ausprägt (Charakter ist. Hauptwerk, Oberwerk, Brustwerk, usw.). Dazu treten klare Solostimmen, besonders nasale Zungenregister (Oboe); die Krönung bildet der pathetische Tuttiklang. So entwickelt sich ein virtuoses, kontrastreich -konzertantes Spiel mit ausgeprägter Pedaltechnik, klarem Liniengeflecht und wuchtigen Akkordblöcken. Der reichen Klangfantasie entspricht ein starker Affektgehalt.

Mitteldeutschland: Mischung aller Einflüsse, wobei in der Orgelmusik norddt. Elemente überwiegen.

Ausgehende Romantik bis ca. 1920

In der zweiten Hälfte des 18.Jh. verlor die Orgel ihren Werkcharakter zugunsten eines romantischen Klangideals mit orchestralen Farben und fließenden dynamischen Übergängen (Orgel von Cavaillé-Coll, 1811 – 1899, Paris).

Die um 1920 einsetzende Orgelbewegung orientierte sich wieder am klangideal des Barock.

II. Aufbau der Orgel

Die Orgel ist ein Windinstrument und besteht aus drei Teilen: Pfeifen-, Wind- und Regierwerk. Sie besitzt eine oder mehrere klingende Pfeifenreihen (Register), die jeweils nach einem genauen Schema gestimmt sind. Eine Windlade erhält von einem Balgsystem Luft und verteilt diese zu den Pfeifen, wobei jede Pfeife grundsätzlich nur einen Ton erzeugt.

Die drei Teile sind von einem Gehäuse umschlossen und werden von der Spielanlage aus beherrscht. Diese besteht aus einem oder mehreren Manualen (Klaviaturen), dem Pedal (Fußklaviatur) und den Registerzügen und erlaubt es, den Wind zu den gewünschten Pfeifen zu dirigieren.

Das Pfeifenwerk

- Labial- oder Lippenpfeifen erzeugen den Ton wie Flöten. Der Wind wird durch die Kernspalte auf die Schneidekante des Oberlabiums und dort teils nach außen, teils in die Pfeife hineingeleitet. Die Tonhöhe hängt ab von der Länge der Pfeife (1 engl. Fuß etwa 31 cm): Die gr.C-Pfeife misst 8´ ("acht Fuß"), die eine Oktave tiefere C-Pfeife ist doppelt so lang, also 16´, die höhere c-Pfeife halb so lang also 4´. Alle drei Pfeifen können durch Registerzüge verbunden werden. So lässt sich der 8 ´mit den Oktaven 4´, 16´, 32´als sogenannte Grundstimmen verstärken.

Die Grundstimmen sind, wie ihr Name verdeutlicht, das Fundament des Instruments. Wir unterscheiden vier Familien: die Prinzipale, die Flöten, die Gedackten und schließlich die jüngeren Gamben. Die Prinzipale sind offene Pfeifen mittlerer Mensur mit großem Labium, die das Klanggebäude der Orgel stützen. Die allgemeine Stimmung der Orgel basiert auf dem Prinzipal 4´, da dieser, wie Dom Bédos aus Celles schreibt, "in seinem Umfang die Mitte zwischen den tiefsten Tönen der größten Register und den höchsten Tönen der kleinsten Register einnimmt". Sie werden meist aus Metalllegierungen gefertigt.

Die Flöten sind offene Pfeifen aus Holz großer Mensur und wie die Prinzipale in allen Oktaven disponiert. Gedeckte Pfeifen von weiter Mensur, die Gedackten, die entgegen ihrer wirklichen Länge eine Oktave tiefer klingen, gibt es vom 32 ´bis zum 2´. Die Gamben – offene Pfeifen von enger Mensur – erinnern an den Klang von Streichern und wurden deshalb Viola da Gamba, Violine, Viola, Violoncello, Violone, Kontrabass oder Violonbaß genannt. Sie sollten im 19.Jh. das Orchester imitieren, weshalb man ihre Klangkraft durch eine Verstärkung des Winddruckes zu vergrößern suchte. Die Gambenstimmen zu 16´, 8´ oder 4´haben eine zylindrische oder konische Form. Von größtem Eindruck sind die schwebenden Stimmen wie Vox celestis und Unda Maris, die etwas über der üblichen Stimmhöhe stehen und beim Zusammenspiel mit Gambenregistern einen dem Vibrato von Saiteninstrumentenvergleichbaren leicht schwebenden Klang hervorbringen.

Zur Klangfarbenveränderung baute man die Obertonreihe von C in Einzelpfeifen auf (bis zum 9.Oberton, z.T. auch weiter). Diese Obertonpfeifen können als sogenannte Aliquotstimmen ebenfalls an dieselbe C-Taste gekoppelt werden: einzeln, z. B. die Quinte g (Pfeifenlänge 2 2/3 ´= 8/3´) oder in wählbaren bzw. festen Kombinationen, sogenannten Mixturen.

Zungenpfeifen

Lingual- und Zungenpfeifen erzeugen den Ton durch eine (Aufschlag-)Zunge, die auf einer im Pfeifenkopf steckenden Kehle befestigt ist. Die Form des Schallbechers bestimmt die Klangfarbe. Die Familie der Zungenstimmen teilt man in zwei Gruppen ein, die nicht nur durch die Konstruktion, sondern auch allgemeiner durch die Funktion im Klanggefüge des Instruments unterschieden werden.

Die erste Gruppe umfasst vor allem die Familie oder Batterie der Trompeten (Zungenregister von realer Länge), deren trichterförmige Schallbecher von normaler Länge in einem bestimmten Verhältnis zur Höhe des erzeugten Tones stehen. Diese Länge kann manchmal verdoppelt werden; man spricht dann von überblasenden Trompeten, deren Ton dann ein größeres Volumen und eine größere Intensität besitzt. Diese Register, die sich sowohl für das Tutti als auch für solistische Passagen eignen, bilden eine Familie von beeindruckender Klangkraft: Bombarde 32 ´im Pedal, Bombarde 16 ´meistens im Pedal (in großen Instrumenten auch im Manual), Trompete 8 ´und schließlich Clarine 4´, deren oberste Oktave manchmal repetiert oder durch Grundstimmen ersetzt ist, da in dieser Stimmlage die kleinsten Pfeifen zu schwierig zu bauen sind und nur schwer ansprechen.

Die zweite Zungenfamilie bilden kurzbechrige Zungen verschiedener Formen, die grundsätzlich eine rein solistische Funktion erfüllen. Ihre Klänge sind "akustisch", da die Höhe des erzeugten Tones nicht der geringen Länge ihrer Schallbecher entspricht. Der Pfeifenkörper der Register Krummhorn und Klarinette zum Beispiel ist immer nur halb so lang wie normal, während die unzähligen Arten von Regalen oder Vox humanas noch kürzere Körper haben können.

Gestimmt wird die Zungenpfeife durch die Stimmkrücke, mit der die Zahl der Schwingungen des Zungenblattes verändert werden kann, indem man den Metallstift hinauf- oder herunterschiebt und somit den schwingenden Teil der Zunge verlängert oder verkürzt.

- Die Registeranordnung geschieht je nach Disposition der Orgel sowie der Architektur und Akustik des Kirchenraumes in Klanggruppen, sogenannten Werken. Das Hauptwerk in der Mitte des Prospektes ist vor allem mit Prinzipalen in 8 ´und 4´, bei großen Orgeln auch in 16´bestückt. Es wird vom Hauptmanual bedient. Das Oberwerk darüber und das Rückpositiv im Rücken des Spielers haben charakteristisch ausgewählte Grundregister, Aliquoten und Zungenstimmen, meist vom 1. und 3. Manual gespielt. Große Orgeln besitzen noch ein Brustwerk (unterm Hauptwerk in Brusthöhe des Spielers), mit hellen Solostimmen. In den Pedaltürmen stehen die langen Basspfeifen.

Die Pfeifen eines Registers sind der Größe nach angeordnet. Um eine Scheinsymmetrie zu erreichen, gruppiert man die Pfeifen je nach Halbton wechselnd nach rechts und links.

Die Registerbezeichnungen stehen über, unter, neben oder auf den Registerzügen. Einige Stimmen geben sich mit einer einfachen Bezeichnung zufrieden, die ihre Beschaffenheit oder Persönlichkeit widerspiegelt: Prinzipal, Flöte, Bourdon und Gambe. Andere tragen einen Namen, der sofort ihren Platz in der Harmonie anzeigt – Septime, None, Duodezime – doch stellen sie in ihrer Unauffälligkeit nur eine Minderheit dar. Recht bescheiden sind noch Attribute wie lieblich (amabile), verliebt (d´Amor) oder sanft (dolce), während sich andere Register viel imposantere Bezeichnungen zu eigen machen: kaiserlich, königlich, militärisch oder orchestral. Daneben gibt es Stimmen, die als himmlisch, ätherisch oder wunderbar (Mirabilis) erscheinen oder die Ihre Herkunft nennen: Ägyptisch Horn, Englisch Horn, Französisch Horn, Wienerflöte, Schweizer Trompete usw. Beliebt sind auch Spitznamen, mit denen man vor allem in Spanien fantasievolle Klanggestalten ausstattete: So wurden beispielsweise 8´-Regale als Viejas (Altweibergesang), Viejos (Greisengesang) oder sogar Gorrinitos (Ferkelgegrunze) bezeichnet.

Andere bescheidenere Register heißen nach traditionellen Instrumenten, denen ihr Klang nachempfunden ist: Mundflöte, Bombarde, Kornett, Krummhorn, Zimbel, Gemshorn, Oboe, Regal, Serpent, Trompete, Viola da Gamba, Querflöte, Horn, Violine, Violoncello, Klarinette, Saxofon oder Harmonika.

Bestimmte Erfindungen sollen die verschiedensten Geräusche nachahmen: Vogelgesang, Tiergeschrei, Natur- und Kriegsgeräusche, den Gesang der Nachtigall (erzeugt durch in ein mit Wasser gefülltes Behältnis gerichtete Pfeifen, deren Wind durch die entstehenden Blasen das Zwitschern imitiert), Hundegebell, das Brummen von Bären oder das Geschrei eines Esels (mithilfe verstimmter Pfeifen). Weiter gibt es die Banda militare, die eine große Trommel mit Schallbecken verbindet, und den Trommelwirbel, den zwei ungleich gestimmte Pfeifen erzeugen, schließlich den Chapeau Chinois mit auf einen Triangel gesetzten Glöckchen und den Zimbelstern, der die Glöckchen auf die Stange eines beweglichen Metallsternes verteilt.

2. Das Windwerk

Für den Laien scheint die Orgel allein aus dem Gehäuse und den Prospektpfeifen zu bestehen: ein maximal schlichtes oder prunkvolles Kunstwerk, für dessen sichtbare Teile die Erbauer und auch die, welche das Instrument finanzieren, die größte Sorgfalt aufwandten, sodass zu gewissen Zeiten die Gehäusegestaltung viel aufwendiger war als das eigentliche Instrument.

So beeindruckend das äußere Erscheinungsbild der Orgel auch sein mag, es handelt sich doch nur um einen bescheidenen Teil des Instruments, dessen wichtigste Elemente vor Augen der Öffentlichkeit verborgen sind: das Balgsystem, das durch Druck die Luft erzeugt, die Windkanäle, die den Spielwind zu den Windladen leiten, wo er zu den einzelnen Pfeifen verteilt wird, und schließlich die Übertragungsteile, die die Klaviaturen und die Windladen miteinander verbinden.

Balganlage und Windversorgung

Früher verwendete man Bälge, die von Kalkanten getreten wurden. Die Luftversorgung war ungleichmäßig (windstößig). Seit dem 17.Jh. arbeitete man daher mit Doppelbälgen: Ein Schöpfbalg pumpte die Luft in einen Magazinbalg, der einen gleichmäßigen Luftdruck erstellte. Heute ersetzt man den Schöpfbalg durch ein elektrisches Gebläse.

Windkanäle leiten den Wind zu den Windkammern und Windladen, auf denen die Pfeifen stehen. Der Ventilator muss mit geeignetem und konstanten Druck die Luft für die verschiedenen Klangmischungen der Orgel bereitstellen. Der mittlere Verbrauch eines Prinzipals 8´ beträgt für den Ton C 180 Liter Luft pro Minute, während der Luftdruck gemäß dem gewünschten Klangvolumen und –Aufbau sowie der gewählten Intonationsart allgemein zwischen 50 und 150 mm Wassersäule variiert. Erfordern einige Jahrmarktorgeln einen sehr hohen Winddruck von manchmal mehr als 200 mm, so geben sich manche Hausorgeln schon mit 20 bis 50 mm Wassersäule zufrieden. Wie die modernen Instrumente unterscheiden sich auch die alten Orgeln in ihrem Winddruck: In Italien lag der Druck z. B. bei etwa 35 mm, während die Orgeln Arp Schnittgers eine Winddruckhöhe von 100 mm Wassersäule hatten.

Der Winddruck wird allgemein nach dem System der Windwaage gemessen, deren Erfindung 1667 dem Hersteller Christian Förner zugeschrieben wird. Es handelt sich um ein einfaches Verfahren, das es mittels einer U-förmigen, zur Hälfte mit Wasser gefüllten Röhre nach dem Prinzip kommunizierender Gefäße erlaubt, den durch den Winddruck zwischen dem Niveau beider Wassersäulen erlangten Unterschied zu messen. Heute wird der Winddruck auch durch Anemometer gemessen.

Der Tremulant oder das Tremolo, der seit der Renaissance Verwendung findet, beeinflusst den Luftstrom im Windkanal, dessen Schwingung sich auf den Ton der Pfeifen überträgt. Er besteht aus einem auf dem Windkanal befestigten kleinen Balg verschiedener Konstruktion, der durch den Wind oder einen Motor in Funktion gesetzt wird. Man unterscheidet zwei Arten: der langsame Tremulant (franz.: Tremblant doux) verfügt über ein mit einem Gewicht versehenes Ventil, das sich – an einer Feder befestigt – dem Luftstrom entgegenstellt und somit Schwingungen erzeugt, während der starke Tremulant (franz.: Tremblant á vent perdu) aus zwei gegensätzlich angeordneten Ventilen besteht, die – durch den Wind in Bewegung versetzt – schnellere Schwingungen als der langsame Tremulant hervorrufen.

Wichtige Windladensysteme

Tonkanzellen- oder Schleiflade:

Alle von derselben Taste bedienten Pfeifen stehen auf derselben Tonkanzelle. Die Register werden durch eine verschiebbare Holzleiste mit Löchern für jede Pfeife, die sogenannte Schleiflade oder Schleife, eingeschaltet, sodass die Pfeifenreihe eines Registers genau über den Löchern steht. Öffnet die Taste das Tonkanzellenventil, strömt der Wind aus der Windkammer in die Kanzelle und von dort in die registergeschalteten Pfeifen (die anderen sind durch die Schleifen gesperrt).

 Schleiflade

Registerkanzellen- oder Kegellade (Walker 1842):

Alle Pfeifen eines Registers stehen auf derselben Registerkanzelle, aus der sie per Tastendruck durch ein Kegelventil einzeln mit Luft versorgt werden.

Springlade (ab ca. 1400):

Arbeitet mit Tonkanzellen und Einzelventilen statt Schleiflade.

c) Anordnung der Pfeifen

Bei einigen Orgeln ist es leicht, den inneren Aufbau des Instruments beim Betrachten der Fassadenkonzeption zu erkennen, doch ist es selbst in diesem Fall selten, dass die Verteilung der Prospektpfeifen genau der Anordnung der Pfeifen auf den Windladen entspricht; sie unterscheidet sich oft völlig. Für die Aufstellung der Pfeifen auf den Windladen bieten sich den Orgelbauern mehrere Varianten an:

Die chromatische Aufstellung, deren Ordnung den Tasten einer Klaviatur entspricht: c, cis, d, dis, e, f, fis...

Die diatonische Aufstellung, die das Pfeifenwerk in zwei Gruppen teilt, wobei jede Gruppe jeweils die zweite Note der chromatischen Tonleiter erhält. Die Tonfolge lautet somit auf der einen Seite c, d, e, fis, gis, ais, c... und auf der anderen Seite cis, dis, f, g, a, h, cis... .

Die Aufstellung in kleinen Terzen: c, dis, fis, a, c... und cis, e, g, b, cis... sowie d, f, gis, h, d...

Die Aufstellung in großen Terzen: c, e, gis, c... bzw. cis, f, a, cis usw.

Bei der Verwendung einer dieser Lösungen oder bei der Kombination mehrerer Systeme muss der Orgelbauer dem Platzbedarf großer Basspfeifen und dem allgemeinen symmetrischen Aufbau der Orgel Rechnung tragen. Sehr häufig werden zwei zu einer Klaviatur gehörende diatonische Windladen einander gegenübergestellt, wobei die erste Pfeife links ein C und rechts ein Cis ist. Bei dieser Aufstellung, die durch die angestrebte Symmetrie der Gehäusearchitektur bestimmt wird, nennt man die linke Seite des Instruments allgemein C-Seite und den rechten Teil Cis-Seite.

3. Das Regierwerk

Die Elemente einer Windlade werden durch zwei Mechanismen in Bewegung versetzt: durch die auf die Ventile wirkende Spieltraktur (Wahl der Noten) und die Registertraktur (Wahl der Klangfarben).

Die Verbindung der Tasten mit dem Pfeifenwerk (Spieltraktur) ist im klassischen Orgelbau mechanisch (Holzwellen). Die Hauptbestandteile einer mechanischen Traktur sind die Abstrakten (dünne Holzstängchen) bei "ziehender" Bewegungen und Stecher (steife, dünne Stäbe) bei "stoßenden" bzw. "drückenden" Bewegungen, außerdem Winkel, die sich auf einer Achse ineinanderfügen und die Umleitung einer Bewegung um 90° erlauben, Wippen, die eine Bewegung umkehren, und schließlich das Wellenbrett.

 Wellenbrett

Das Wellenbrett besteht aus einer trapezförmigen Holzplatte, deren größere Seite dieselbe Länge wie die Windlade hat, während die kleinere Seite den Dimensionen des Klaviaturumfanges entspricht. Es handelt sich darum, die Anordnung einer etwa 80 cm breiten Klaviatur auf die bis zu 6 m breiten Windladen mit den Pfeifen zu übertragen, die – wenn sie aus mehreren Teilen besteht – sogar noch breiter sein können. Auf der Holzplatte des Wellenbrettes befindet sich eine Anzahl von Wellen (um ihre Achse drehbare Holz- oder Eisenstangen), deren Aufgabe es ist, die stattfindende Bewegung seitlich zu verlagern. Jeder Taste entspricht eine Welle, die an jedem ihrer Enden mit kleinen Ärmchen versehen ist; das eine ist mit der Taste, das andere mit dem zur Taste gehörenden Ventil verbunden.

Drückt der Spieler eine Taste, so bewirkt dies durch das eine Ärmchen eine leichte Drehung der Welle, während gleichzeitig das zweite Ärmchen durch eine Abstrakte das entsprechende Ventil öffnet. Ist der Abstand zwischen Taste und Ventil allerdings zu groß, übernehmen jeweils mehrere Wellenbretter die Bewegung voneinander.

Das schlichte, sichere und wirkungsvolle Wellenbrett erlaubt dem Organisten einen präzisen und sensiblen Anschlag; seine Finger bewirken direkt das Öffnen des Ventils.

org-teil

Um vor allem als zu schwerfällig erachtete Trakturen zu verbessern, entwickelte man im 19./20. Jh. Lösungen, die leider weder die Einfachheit noch die spürbaren Vorteile der mechanischen Traktur aufwiesen. Die verschiedenen neu erfundenen Systeme sind pneumatischer, röhrenpneumatischer und elektropneumatischer Art (Trakturwind = höherer Druck als Spielwind) und haben alle nicht wenig Nachteile. Durch die Beseitigung der physischen Verbindung zwischen Finger und Ventil wird der Organist eines natürlichen, durch den Luftdruck auf dem Ventil bedingten Widerstandes beraubt, der erst ein persönliches und präzises Spiel sicherstellt. Artikulation und Phrasierung sind erschwert, da durch die Behäbigkeit der Traktur, die auf Mängel gewisser Systeme und auf eine zu große Distanz zwischen Spieltisch und Windladen zurückzuführen ist, ungelegene Verzögerungen hervorgerufen werden, die manchmal sogar zwischen den einzelnen Manualen auftreten. Auch wächst mit der Zahl und der Länge der pneumatischen Rohrleitungen die Gefahr vermehrten Luftausströmens, und mit der Komplexität der Mechanismen nimmt die Störanfälligkeit (Heuler, stumme Tasten usw.) zu.

Heute baut man wieder mechanische Schleifladen, zum Teil mit elektronischer Registratur kombiniert zum raschen Umregistrieren. Manual(e) und Pedal sind unterschiedlich koppelbar, ebenso die Register, die zum Teil durch Kombinationen vorprogrammiert und während des Spiels blitzschnell geschaltet werden können.

Da die Orgelpfeifen gleichmäßig mit Luft beschickt werden, haben sie keine Möglichkeit zu Crescendo und Decrescendo. Daher setzte man im 17. Jh. bestimmte Register in geschlossene Holzkästen, um Echo- und Fernwirkungen zu erzielen. Der Jalousieschweller erreichte dann im 18. Jh. stufenlose dynamische Übergänge durch langsames Öffnen und Schließen der Kastenwände und –decke. Der Progressivschweller zieht nach und nach Hilfsstimmen dazu. Ähnlich arbeitet der Roll- und Kollektivschweller (19. Jh.).

Zu beiden Seiten der Klaviaturen befindet sich eine mehr oder weniger große Zahl von Knöpfen oder Griffen, die Registerzüge, die die verschiedenen Stimmen der Orgel zum Spiel vorbereiten (Registertraktur). Will der Organist ein Register rufen, so muss er den entsprechenden Registerzug betätigen. Die dabei entstehende Bewegung überträgt sich über Holz- oder Metallstangen, Schwerter und/oder drehbare Stangen (die im Trakturverlauf die Bewegung weiterführen, umkehren oder zu Winkeln umleiten können) auf die unter dem Pfeifenstock wenige Zentimeter verschiebbare Schleife. Registerzüge italienischer Orgeln müssen seitlich verschoben werden, was, da die ausgeführte Bewegung zur Bewegung der Schleifen in der Windlade parallel ist, eine einfachere Mechanik erfordert.

Handelt es sich um Springladen, so müssen die Registerzüge mit einer Arretierung versehen sein, um gegen den Druck der Rückstellfedern die Register offen halten zu können.

Der Spieltisch der Orgel ist ein Ort, von dem die Zuhörer in der Kirche oft keine rechte Vorstellung haben, den aber ein passionierter Orgelfreund, der zur Orgelempore hinaufsteigt, gut kennt; hier kann er am besten die ebenso physische wie geistige Arbeit beurteilen, die ein Organist zur Beherrschung des Instruments aufwenden muss. Dieser geheimnisvolle und oft vor den Augen des Publikums verborgene Spieltisch ist das Gehirn der Orgel, das durch die Finger des Musikers den Klangaufbau des Instruments zusammenfasst und lenkt.

Der Spieltisch umfasst gewöhnlich ein bis fünf Manuale, die jeweils einem Teil der Register des Instruments und somit einer vom Orgelbauer festgelegten Klangebene zugeordnet sind. Terrassenförmig übereinandergelagert wirken – von unten nach oben gesehen – die beiden ersten Manuale auf Positiv (I) und Hauptwerk (II) oder umgekehrt, und das dritte, vierte oder sogar fünfte Manual auf Teilwerke der Orgel, die man je nach der Konzeption der einzelnen Instrumente Récit, Echo, Solo, Bombardewerk, Schwellwerk usw. benennen kann. War der Manualumfang der alten Orgeln oft verschieden, so haben die modernen Instrumente, die seit dem vergangenen Jahrhundert gebaut werden, Manuale mit genormten Umfang von 56 bis 61 Tasten (C-g‘‘‘ oder C-c‘‘‘‘); man kann jedoch in neuen, nach historischem Vorbild erstellten Instrumenten auch wieder unterschiedliche Klaviaturumfänge finden. Unsere Klaviaturen folgen heute durchgehend der chromatischen Tonleiter, was nicht zu allen Zeiten der Fall war. Früher wurden sehr oft "kurze" Oktaven gebaut.

Das Pedal umfasst heute etwa 30 Tasten (meistens C-f‘ oder seltener C-g‘), die ursprünglich parallel und heute – nach der schon im 19. Jh. durch den Orgelbauer Willis verwirklichten Art – oft auch fächerförmig angeordnet sind